Die Bewertungsfalle: Warum eine höhere Bewertung Gründern schaden kann
Eine hohe Bewertung fühlt sich erstmal wie ein Sieg an. Doch was auf den ersten Blick nach einem Erfolg aussieht, kann sich in der nächsten Finanzierungsrunde rächen. Wir schauen uns an, warum „höher“ nicht automatisch „besser“ bedeutet und worauf Gründer stattdessen achten sollten.
Der Reflex: Höher ist besser
Kaum eine Zahl wird im Startup-Ökosystem so sehr gefeiert wie die Pre-Money-Bewertung und das ist menschlich nachvollziehbar: Eine hohe Bewertung bedeutet weniger Verwässerung, mehr wahrgenommenes Standing und ein starkes Signal an Talente, Presse und künftige Investoren.
Das Problem: Eine Bewertung ist kein Gütesiegel, sondern ein Versprechen. Sie beschreibt nicht, was ein Unternehmen heute wert ist, sondern was es in einigen Jahren wert sein müsste, damit die Rechnung für die Investoren der aktuellen Runde aufgeht. Wird dieses Versprechen zu großzügig kalkuliert, verschiebt sich das Problem lediglich in die Zukunft – meist genau in den Moment, in dem frisches Kapital am dringendsten gebraucht wird.
Der Treiber sitzt oft am eigenen Tisch
Oft entsteht der Druck eine hohe Bewertung anzustreben durch die bestehenden Investoren oder einen überhitzten Markt. Häufig ist jedoch auch die Denkweise der Gründer selbst Teil des Problems. Für viele ist die Höhe der Bewertung längst mehr als eine Finanzkennzahl: Sie ist zum informellen Maßstab für den eigenen Erfolg geworden, zur Bestätigung der eigenen Vision, mitunter sogar zum Statussymbol gegenüber Gründerkollegen, dem eigenen Team oder der eigenen Familie. Diese emotionale Aufladung macht es schwer, eine hohe Bewertung im Verhandlungsprozess abzulehnen, selbst wenn die Analyse sagt, dass die Zahl über das hinausgeht, was das Unternehmen in absehbarer Zeit wert sein kann. Wer sich über die Bewertung definiert, verhandelt am Ende nicht mehr für das Unternehmen, sondern für das eigene Ego – und das ist selten eine gute Ausgangsbasis für eine nachhaltige Kapitalstruktur.
Wie aus einem Erfolg eine Falle wird – Der Rollercoaster
Eine überzogene Bewertung entsteht selten aus böser Absicht. Oft ist sie das Ergebnis eines kompetitiven Fundraising-Prozesses, in dem mehrere Investoren um eine Beteiligung konkurrieren, oder einer Wachstumsstory, die auf sehr optimistischen Annahmen beruht. Genau hier liegt das Risiko: Wenn die nächste Runde ansteht, misst der Markt das Unternehmen nicht mehr an seiner Erzählung, sondern an seiner tatsächlichen Entwicklung – Umsatzwachstum, Kundenbindung, Unit Economics.
Bleibt das Unternehmen hinter der impliziten Erwartung der letzten Bewertung zurück, entsteht eine unangenehme Ausgangslage – und die eigentliche Falle schnappt zu: die Down-Round.
- Die Down-Round als größtes Einzelrisiko. Eine Folgerunde zu einer niedrigeren Bewertung als der letzten ist selten nur eine Zahl auf dem Term Sheet. Sie sendet ein deutlich negatives Signal, kann Anti-Dilution-Klauseln aus früheren Verträgen aktivieren und im schlimmsten Fall die Gründeranteile massiv verwässern. In vielen Fällen ist eine Down-Round weniger das Symptom eines gescheiterten Geschäftsmodells als die direkte Folge einer zu ambitionierten Vorrunde – der eigentliche Schaden entsteht also rückwirkend durch die frühere Entscheidung, nicht durch die aktuelle Performance. Die gradlinige Equity Story ist nachhaltig gestört.
- Bestandsinvestoren zögern. Wer in der letzten Runde zu hoch eingestiegen ist, hat wenig Interesse, dies durch eine niedrigere Anschlussrunde selbst zu bestätigen – was die Suche nach neuen, unvoreingenommenen Investoren erschwert und den Weg in eine Down-Round oft noch beschleunigt.
- Mitarbeiterbeteiligungen verlieren an Wert. Optionspools, die auf Basis der hohen Bewertung ausgegeben wurden, können bei einer Down-Round faktisch wertlos werden – ein Risiko für Motivation und Retention im Team.
- Der Verhandlungsspielraum sinkt. Ist die Cash-Runway knapp und die Story angeschlagen, verhandeln Gründer aus einer geschwächten Position – oft zu deutlich schlechteren Konditionen, als eine von Anfang an realistische Bewertung ermöglicht hätte.
Eine Bewertung ist keine Trophäe, sondern eine Latte, die man in der nächsten Runde wieder überspringen muss. Leg sie maximal so hoch, vielleicht sogar mit einem Puffer, wie Du sie mit den nächsten 18 bis 24 Monaten Wachstum tatsächlich rechtfertigen kannst.
Was eine „gesunde“ Bewertung ausmacht
Statt der höchstmöglichen Zahl sollten Gründer die Bewertung anstreben, die am ehesten zur eigentlichen Wachstumsstory passt. Drei Leitfragen helfen dabei:
- Lässt sich die nächste Runde plausibel begründen?
Eine gute Bewertung ist eine, bei der ein in den nächsten Monaten realistische value inflection points erreicht werden können, die in der darauf folgenden Runde eine höhere Bewertung rechtfertigen.
Wie viel Verwässerung wird tatsächlich vermieden?
Der Unterschied zwischen einer ambitionierten und einer leicht überzogenen Bewertung macht bei der Verwässerung oft nur wenige Prozentpunkte aus. Der Unterschied zwischen einer soliden und einer stark überzogenen Bewertung kann hingegen über die Existenz des Unternehmens entscheiden.
Passen die Investoren zur Bewertung?
Wer eine Bewertung akzeptiert, die primär durch den Wettbewerbsdruck zwischen Investoren getrieben wurde, sollte sich fragen, ob diese Investoren auch dann noch überzeugt hinter dem Unternehmen stehen, wenn die Zahlen einmal nicht exakt auf Plan liegen.
Unsere Perspektive bei bmp
Als Investor, der Unternehmen über mehrere Finanzierungsrunden hinweg begleitet, sehen wir Bewertung nicht als einmaliges Verhandlungsergebnis, sondern als Teil einer langfristigen Kapitalstrategie. Eine Bewertung, die zum tatsächlichen Entwicklungsstand und einer realistischen Wachstumsplanung passt, schafft die Grundlage für Anschlussfähigkeit – Runde für Runde. Das Ziel für jedes Startup sollte es sein möglichst reibungslos Kapital aufzunehmen und Down Rounds zu vermeiden. Eine gute Bewertung schützt Gründer, Team und bestehende Investoren gleichermaßen vor bösen Überraschungen, wenn der Markt weniger euphorisch wird als beim letzten Term Sheet.
Der Erfolg eines Startups zeigt sich nicht in der höchsten Zahl auf dem Cap Table, sondern darin, ob genügend Runden folgen, bis das Unternehmen tragfähig ist. Die klügste Bewertung ist am Ende die, die man später nicht erklären muss.
Ein Beitrag von Malte Lindigkeit, Investment Analyst bei bmp Ventures.